"GUCK MICH AN, GUCK MICH AN, GUCK MICH AN!"

 

Nach der Mediensatire "Wag the Dog" von 1997 verschwand Dustin Hoffman einige Jahre von der Leinwand. Mit "Moonlight Mile" meldete er sich 2002 zurück. Ein Gespräch

 

 

Mr. Hoffman, wo waren Sie so lange?

Ich bin tatsächlich gerade erst wieder zurück. Ich war eine zeitlang weg, weil ich etwas bearbeiten musste. Ich war lange deprimiert. Sehr deprimiert. So deprimiert, dass ich verstanden habe, was Depression bedeutet und was sie bei Leuten anrichten kann.

 

Nun kehren Sie als verwaister Vater auf die Leinwand zurück – eine sehr traurige Rolle. War das schwierig?

Nein, es war nicht schwierig. Ich weiß nicht, warum manche Rollen schwer sind und manche nicht. „Tootsie“ war schwierig, jedes kleine bisschen davon. (lacht) Das war echt schwer! Aber der Film ist tatsächlich sehr traurig. Es geht um einen Vater und seine Tochter, die miteinander nicht zurecht kamen. Sie stirbt, bevor die beiden das lösen konnten. Das finde ich bodenlos traurig (Hoffman kämpft mit den Tränen). Wenn man einen geliebten Menschen verliert und irgendwas nicht mehr aus der Welt schaffen konnte – das ist das Schlimmste.

 

Sie sind selbst Vater von sechs Kindern. Haben Sie sich je mit dem Gedanken beschäftigt...

Nein! Bitte nicht! Ich bewege mich nicht mal in die Nähe… Nein. Natürlich passiert das. Aber davor fliehe ich. Wissen Sie, kurz nach Drehbeginn vor zwei Jahren kam einer der besten Freunde meines damals 16-jährigen Sohnes ums Leben. Um Mitternacht. Ein Autorennen endete an einem Baum. (Schnippt die Finger) Einfach so. Wir fuhren jeden Tag an diesem Baum vorbei. Es war eine bemerkenswert kleine Beule darin. Man kann sterben, ohne einem Baum allzu viel Schaden zuzufügen. Es lagen überall Blumen dort, die Kids saßen mit Kerzen da. Monatelang. Das war genug für mich. Wenn man sich je unsterblich fühlt, dann, wenn man jung ist. Man ist noch nicht dran mit Sterben wenn man 15, 16 oder 17 ist. Es war entsetzlich zu sehen, was das bei meinem Sohn anrichtete. Ich musste nicht über meine eigenen Kinder nachdenken. Gott sei Dank.

 

Methodisch sollen Sie bei der Schauspielerei Ihrem Kollegen Robert De Niro ähneln – aber anders als er sind Sie vor Publikum stets eine wahre One-Man-Show...

Ich kann mir nicht helfen. Ja, ich liebe Publikum. Ich habe mal Laurence Olivier gearbeitet, und ich fragte ihn: Warum sind wir Schauspieler? Man hört ja immer diese Geschichten von: Ich muss den Menschen eine Botschaft übermitteln, oder: Gott hat mich berufen. Blablabla. Alles Schwachsinn, sagte Olivier. Also, beharrte ich, was ist es? Er antwortete: Ich sage es dir - Guck mich an, guck mich an, guck mich an! Keiner hat das je besser erklärt.

 

Ist es schwieriger, komische Figuren zu spielen als traurige?

Ja. Komödie ist das Schwierigste, aber auch das am wenigsten Respektierte. Chaplin hat nie einen Oscar bekommen. Aber Komödie trifft an derselben Stelle wie Musik. Und viel stärker. Es gibt einen Witz: Ein berühmter Mensch stirbt, und man fragt ihn: Es ist schwer zu sterben, nicht war? Er sagt: Ja, aber Komödie ist noch schwerer. Das stimmt. (lacht) Gute Witze sind sehr tiefsinnig. Wenn ich Gott um einen Gefallen bitten könnte, wäre es, die Autoren großartiger Witze treffen zu dürfen.

 

Sie selbst haben zwei Oscars. Sind Sie stolz drauf?

Ab und zu kriegt ein Schauspieler einen Preis und sagt: Es bedeutet mir viel, dass meine Kollegen mich auszeichnen. Bei allem Respekt – die Kollegen zählen nicht viel. Es gibt nur ganz wenige unter uns, die Großartiges zu schätzen wissen.

 

Von wem würden Sie gern ausgezeichnet werden?

Ist mir schon passiert, aber nicht in Form einer Statuette. Marlon Brando hat mich mal angerufen. Das ist es. Lob von einem, der schon dort ist, wo man noch hin möchte. Wenn Tolstoi zu mir sagen würde: Hey, Sie waren echt gut in „Rain Man“ - das ist alles, was man braucht. Stimmt´s? (lacht)

 

Sie sind mit „Die Reifeprüfung“ über Nacht zum Star geworden. Wie blicken Sie heute auf Ihre Karriere?

Ich habe nie damit gerechnet, ein Filmstar zu werden. Ich hing damals mit zwei guten Freunden rum, die damit ebenso wenig rechneten: Robert Duvall und Gene Hackman. Ich kellnerte, Duvall jobbte von zwölf bis acht auf dem Postamt und Hackman schleppte Kühlschränke und Sofas in den fünften Stock. Wenn damals jemand so was zu uns gesagt hätte, wir hätten uns kaputt gelacht. Und dann passiert es, ein bescheuerter Unfall. Man denkt so oft: Jeden Moment wachst du auf, an lauter Schläuche angeschlossen. Jemand sagt: Hallo, wie fühlen Sie sich?, und du bist immer noch ein arbeitsloser kleiner Schauspieler. Du rufst verzweifelt: „Hey, Moment, ich bin ein Star!“, und sie sagen einem: „Nein, nein, Sie waren nur in einem langen, tiefen Koma.“ (lacht)

 

Wie stehen Sie zu dem Ruhm, der Ihre Person umgibt?

Das ist die andere Seite der Medaille: Ruhm macht dich fertig. Erfolg korrumpiert. Kein Weg dran vorbei. Man kann hoffen, eine niedrige Strahlendosis abzukriegen, aber Ruhm ist radioaktiv.

 

Hat er Sie auch verstrahlt?

Als ich “Die Reifeprüfung” drehte, hatte ich zehn Jahre in Bars gejobbt. Plötzlich kriege ich 3000 Dollar für einen Film! Und plötzlich landen jede Menge Drehbücher bei mir. Aber meine Integrität ist mir wichtig. Ich lehne die schlechten ab, ungeachtet aller Traum-Honorare. Dann kommt eines Tages „Midnight Cowboy“, und ich sage: Das ist klasse! Man sagt mir: Den kannst du nicht machen, das ist bloß eine Nebenrolle. Aber ich habe meine Ehre, also mache ich den Film. Und dann lerne ich ein Mädchen kennen. Wir wollen heiraten. Und eines Tages sagt mein Manager – ich hatte nie einen Manager, plötzlich habe ich einen – „Man möchte dieses Foto von euch machen“. Ich sage nein, das ist fürchterlich! Aber er sagt: „Denk an die Villa, die du kaufen möchtest. Wenn du nur dieses Foto machst, kannst du sie kaufen.“ Okay. Das ist das erste Mal.

 

Haben Sie eigentlich noch Idole?

Die wandeln sich natürlich. Aber ich habe meine Idole: Bunuel, der noch mit 80 Regie führte. Picasso, der mit 90 noch malte. Mein Freund Sam, der mit über 60 noch masturbierte. Das sind die Leute, die ich verehre! (lacht)

c Nina Rehfeld

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