DIE WUT, DIE IHN FILME AUF DIE LEINWAND SCHMEISSEN LÄSST

 

Martin Scorseses Film „The Wolf of Wall Street“ markiert seine fünfte Zusammenarbeit mit Leonardo Di Caprio. Wir sprachen mit dem legendären Regisseur in New York über seinen Draht zu Di Caprio, über Sex, Gier und Macht,  den Wandel des amerikanischen Traums und die Kunst, einen unterhaltsamen Film zu machen. 

Mr. Scorsese, Sie haben mit „The Wolf of Wall Street“ einen Film über den Anlagebetrüger Jordan Belfort gemacht, der seine Raubzüge mit schrankenlosem Hedonismus feiert. Was interessierte Sie an diesem Mann?

Nun, er ist ein Mensch. In seiner Welt wird ja die Frage moralischer Vorbehalte nicht einmal aufgeworfen - es gibt hier überhaupt keine moralische Landschaft. Man spricht von „Confidence Men“, und solche Männer haben mich immer schon interessiert – Abzocker. Man wird ja überall und immer abgezockt, in der Werbung, auf der Straße, dauernd. Es geht darum, jemanden zu übervorteilen, ohne jeden Gedanken an die Auswirkungen für die andere Person. Ich habe das schon oft in Geschäfts-besprechungen beobachtet: Alle sind sehr nett zueinander, man einigt sich, der Typ verlässt das Zimmer, und sein Gegenüber fängt an zu lachen: Der Idiot, er hätte noch 200 000 Dollar mehr rausschlagen können! Mann, haben wir den übers Ohr gehauen! Und es geht gar nicht um die zweihunderttausend, sondern um die Schadenfreue! Aber das ist Teil der menschlichen Konstitution. Wie Gore Vidal so schön sagte: „Es reicht nicht, Erfolg zu haben. Der andere muss scheitern.“ Es ist brutal. Aber wir alle haben es in uns. Und es muss nicht in einem Geschäft sein, es kann sich in der Familie ereignen, in einer Beziehung. Es ist schon beängstigend, wer wir tief im Innern manchmal sind. 

 

Mythische Geschichten über die Hybris des Menschen sind meist als Tragödie angelegt – am Ende muss der Hedonist leiden. Aber Belfort scheint fast völlig ungeschoren davon zu kommen...

Ich glaube schon, dass er gelitten hat. Aber was, wenn nicht? Was dann? Vielleicht hat er einfach bloß einen anderen Weg gewählt, einen Haken hierher oder dorthin geschlagen, wie ein Tier auf der Flucht. 

 

Das Projekt lag 2007 schon einmal auf dem Tisch, fiel dann aber auseinander, obwohl Sie und Di Caprio bereits an Bord waren. Warum? 

Ich hatte 2006 nach „The Departed“ eine gute Beziehung zu dem Studio, aber wie sich herausstellte, haben wir sehr unterschiedliche Geschmäcker. Sie waren bei „The Departed“ zum Beispiel besorgt, dass eine Frau mit zwei Männern gleichzeitig schlafen würde. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte! Das passiert nunmal! Sie wollten nicht, dass Leo in dem Film stirbt, weil sie an die Fortsetzung dachten. Ich sagte: Welche Fortsetzung? Am Ende haben wir uns geeinigt, aber es war sehr anstrengend. Ich fragte mich, ob es wert ist, so weiter zu arbeiten. Ich sagte: Wenn ihr so in Zukunft Filme machen wollt, kann ich das nicht mehr machen. Denn ich würde sie ja bloß enttäuschen. Was hatte ich da verloren? Es ist ja schon schwierig genug, einen Film zu machen, wenn sich alle einigermaßen einig sind! Wir wollten zusammen arbeiten, aber wir konnten nicht. Also fiel das Ganze auseinander. 

 

Leonardo DiCaprio stellte das Projekt wieder auf die Beine. 

Ja, er kam immer wieder zu mir, und ich sagte, lass mich damit in Ruhe, ich will nicht drüber reden. Denn schau mal: Es geht hier um jede Menge Drogen,um  jede Menge Sex – ich muss das so machen können, wie ich´s mir vorstelle, oder gar nicht. Am Anfang gab es in den Notizen vom Studio den Vorschlag, dass sich Belfort seiner Taten schämen sollte. Nein! Er hatte einen Riesenspaß dabei, die Welt abzuzocken und zu vergewaltigen! Glücklicherweise fand Leo unabhängige Finanziers.

 

Dies ist Ihre fünfte Zusammenarbeit mit Leonardo DiCaprio. Warum schätzen Sie ihn so?

Es war dieser Gilbert Grape-Film. Ich dachte, wir gucken eine Doku, als ich ihn mit meiner Frau sah. Es brach mir das Herz, ein toller Film. Und dann hatte er gerade „This Boy´s Life“ mit DeNiro gemacht, und Bob rief mich an und sagte: Der Kleine hier ist richtig gut, mit dem solltest du mal arbeiten. Bob sagt sowas nie – klar, er erzählt mal, wie nett Leute sind oder so. Aber dieser hier, sagte er, der ist was Besonderes. Dann hat Leo „Titanic“ gemacht, und dann stellte sich heraus, dass er meine Filme mochte. Und er brachte die Finanzierung von „Gangs of New York“ zustande. So begann das. 

 

Es gibt einen großen Altersunterschied zwischen Ihnen – wo klickt´s?

Dreißig Jahre, ja, und es ist seltsam: Ich bin New Yorker, er ist aus Kalifornien! Aber sein Vater hat ihm viel beigebracht, Musik zum Beispiel, die ich auch sehr mag. Und wir können uns stundenlang  über die Auto-Szene in Tarkowskis „Solaris“ unterhalten. Es gibt da was zwischen uns, eine echte Verbindung. Das geht weit darüber hinaus, welcher Film an einem Wochenende wieviel einspielt. 

 

Seit „Gangs of New York“ war DiCaprio in jedem Ihrer Filme, außer in „Hugo“... 

Ja, und ich ahnte nicht, dass es eine so fruchtbare Zusammenarbeit werden würde. „Gangs“ war eine fixe Idee für mich gewesen, ich war besessen von diesem Film. Als das vorbei war, dachte ich mir: So, und jetzt lass uns mal einen Film machen, ein großes Hollywood-Spektakel! (lacht laut los) Zur Abwechslung! Leo sagte, ich hab da was. Ich las das Drehbuch zu „The Aviator“ und dachte: Soso, Flugzeuge. Ich habe schreckliche Angst vorm Fliegen - gute Idee! (lacht) Soso, ein Filmemacher, die Zwanziger, die Dreißiger. Ein Mann, der ein verrückter Flugpioner ist – aber keinen Türknauf anfassen kann? Aha! (lacht laut los) Das hat die Sache verfestigt. Mir wurde klar, dass er zu allem bereit war. Es gibt diese ganz besondere Szene in „The Aviator“ für mich, sein Zusammenbruch im Vorführraum. Er, nackt in dem weißen Sessel - come in with the milk, come in with the milk! (lacht). 

 

Haben Sie ihm das komödiantische Talent zugetraut, das er in „The Wolf of Wall Street“ ausstellt?

Oh ja. Er ist ja außergewöhnlich ausdrucksstark. In der Postproduktion von „Gangs“ erzählte er mir diese Geschichte von Koko, dem Gorilla, den er im Rahmen einer Umweltschutzaktion kennen lernte. Er erzählte, wie der Gorilla ihn zum Sofa führte und ein Video anschaltete: Gorillas im Nebel! (lacht laut los). Hier ist ein Film, sowas solltest du mal machen! (lacht) Er imitierte diesen Affen, es war eine große Szene! Und in diesem Film hier war ich ganz hingerissen von seiner körperlichen Comedy, seinem Slapstick. 

 

Manche halten diese Szene, in der er total berauscht zu seinem Ferrari robbt, für oscarreif, andere meinen, dass sie ihn den Oscar kosten könnte... 

Naja, ich würde mal sagen, im Hinblick auf die Oscars haben wir schon von der ersten Einstellung an ein Problem...

 

In der die Hauptfigur einer nackten Frau Koks in den Anus bläst...

Ja, und dann kommt das Zwergenwerfen – ich weiß nicht, ob wir uns da noch über die Slapstick-Szene  sorgen sollten. Aber wenn ich an Preisverleihungen denke, warum soll ich dann überhaupt noch einen Film machen? Dies ist nicht zulässig, das ist nicht zulässig – komm, da können wir gleich nach Hause gehen! Der einzige Grund, diesen Film zu machen, ist die Dinge genauso zu belassen, wie sie sind. 

 

Sie muten Ihren Zuschauern damit ganz schön viel Drastik zu. Hatten Sie, wenn schon nicht die Reaktion der Academy, zumindest die Reaktionen des Publikums im Blick, als Sie diese Geschichte inszenierten?

Nein. Wir reagieren ja auf  den Stoff, die Schauspieler und ich und meine Schnittmeisterin, Thelma Schoonmaker. Ich will nicht hochmütig rüberkommen, aber ich mache das seit 1973. Und ich kann das nicht anders. Klar muss man das Publikum zumindest für die Aktionen der Figuren interessieren, ansonsten bleibt keiner die ersten zwanzig Minuten im Kino. Klar muss das unterhaltsam sein, aber wenn ich unterhalten bin, ist es das. 

 

Die Abzockereien der Wallstreet-Zampanos sind schmerzhaft aktuell – ist dieser Film auch ein Abgesang auf den amerikanischen Traum?

Ja, ich habe dieses Land sich verändern sehen seit den Fünfziger Jahren. 1952 war ich zehn, und uns war  beigebracht worden, dass Amerika ein Land der Möglichkeiten und des Strebens nach Glück sei - aber vor allem ein Land der Chancen und der Freiheit. Und natürlich gibt es einen Konflikt zwischen individueller Freiheit und dem Allgemeinwohl. Aber ich nutzte die Gelegenheiten, die sich mir boten. Und ja, man konnte auch reich werden. Aber irgendwie hat sich das in eine Haltung gewandelt, wo der einzige Wert darin besteht, reich zu sein. Das ist alles. Heute liegt der ganze Wert in Oberflächlichkeiten. Und vielleicht kommt der Frust und die Wut darüber in diesem Film zum Ausdruck – solche Wut, dass ich das einfach auf die Leinwand schmeißen muss.

c Nina Rehfeld

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