„VOR ALLEM MÖCHTE ICH IHNEN HÖLLISCHE ANGST MACHEN!“

 

 

Am Set der Fernsehserie „Under The Dome“, die auf einem Roman von Stephen King (deutsch: „Die Arena“) basiert, stellte sich der Schriftsteller zum Gespräch – und erzählte über die Lust am Horror, über gute und schlechte Verfilmungen seiner Bücher, und seine Hochachtung vor Agatha Christie.

 

Mr. King, wenn ein Buch von Ihnen verfilmt wird, wie zuletzt „Die Arena“, bitten Sie sich ein Mitspracherecht bei der Besetzung Ihrer Figuren aus?

Ich habe eigentlich keine klare physische Vorstellung von meinen Figuren. Als man mir hier also die Absegnung der Besetzung anbot, sagte ich: Solange sie keinen drei Meter großen Footballspieler als Dale Barbera besetzen, wird´s schon stimmen. Allerdings – von einer Figur hatte ich tatsächlich ein Bild, und das war Big Jim Rennie....

 

...der Antagonist, der die verzweifelte Lage der Kleinstadt unter der mysteriösen Kuppel für seine persönlichen politischen Ziele zu nutzen versucht.

Ja. Er ist der üble Politiker, der kurzsichtige, autoritative Typ, und als man Dean Norris in dieser Rolle besetzte, fand ich das absolut

passend. 

 

Ist es ein Zufall, dass der Mann und sein Aussehen an George W. Bushs Vizepräsidenten Dick Cheney erinnern?

Nein. Ich habe das Buch auf der Höhe des Irakkrieges geschieben, als George Bush sagte: Na kommt doch!, und solche Sachen. Das fand ich ziemlich gefährlich und übermässig aggressiv. Ich saß auf einem langen Flug nach Australien und dachte mir, ich würde gern einen Mikrokosmos davon schaffen, denn genaugenommen leben wir ja lle unter einer Kuppel – wir haben diesen kleinen blauen Planeten mit schrumpfenden Ressourcen,  und mehr nicht. Und Jim Rennie ist der smarte Kerl aus der zweiten Reihe, der für sich verbuchen kann, was glatt geht, und das, was schiefgeht, von sich weist – ich bin ja nicht der Chef, das ist George W. Bush.

 

Fällt es Ihnen leicht, Ihre Stoffe in die Hände  anderer zu geben?

Ja, denn wenn man sich an allem festklammert, laufen die Dinge oft nicht rund, und ausserdem bekommt man Magengeschwüre. Der Schriftsteller James M. Cain wurde einst von einem jungen Interviewer gefragt, warum er es zulassen, dass die Filmindustrie alle seine Bücher ruiniere. Cain sagte: Moment mal – sie stehen doch alle hier auf dem Regal! Das ist das Schöne: Wenn jemand ein Buch von mir gut verfilmt, wie zum Beispiel „Die Verurteilten“, kann ich sagen: Nunja, das basiert auf meinem Roman. Und wenn etwas dabei herauskommt wie „Der Werwolf von Tarker Mills“ – obwohl, darüber kann ich nicht meckern, denn da habe ich das Drehbuch selbst geschrieben. Aber sagen wir die Verfilmung von „Feuerkind“, die nicht so toll war – da kann ich sagen: Ich hatte nichts damit zu tun. 

 

Welche Verfilmungen Ihrer Roman gefallen Ihnen?

„Misery“, Stand by Me“ und „Der Nebel”. Ausserdem fand ich “Cujo” absolut fantastisch.

 

Aber Sie wollten nicht, dass „Die Arena“ als Kinofilm adaptiert wird. Warum nicht?          

Weil da zuviel drin ist, zuviele Figuren und Erzählstränge. Es sind ja wechselnde Perspektiven auf eine ganze Kleinstadt. Es ist einfach zu groß. Und ich liebe Fernsehen. Ich habe es schon geliebt, als es noch nicht cool war, okay? Das Problem mit Serienfernsehen ist ja, das es einen Anfang hat, eine Mitte und eine Mitte, und eine Mitte. Es ist wie beim Putenessen: Man versammelt sich zu einem schönen Dinner, und wenn das vorüber ist, gibt es Putensandwiches, Putensuppe, Putengeschnetzeltes – bis nur noch die Knochen übrig sind. Viele Krimiserien machen das, jede Episode steht für sich und man kann keine Entwicklung der Hauptfiguren erkennen. Aber dann kamen im Kablefernsehen Serien wie „The Shield“, und plätzlich wurde klar: Das geht auch anders. Man kann zehn oder 13 Episoden machen, man kann Hauptfiguren sterben lassen, man kann die Dinge zu einem Abschluss bringen. „Die Sopranos“ haben das gemacht, und viele andere auch. Manche sind vielleicht dennoch zu lange gelaufen, wie zum Beispiel „Dexter“. 

 

Der Grundgedanke von „Die Arena“ – eine Handvoll Menschen, die abgeschnitten von der Aussenwelt ein Leben etablieren müssen – ist schon in Romanen wie „Der Herr der Fliegen“ und in TV-Serien wie „Lost“ faszinierend umgesetzt worden. 

Ich liebe den „Herrn der Fliegen“. Aber was „Die Arena“ betrifft, fand ich das einfach eine coole Situation, das war alles. Ich bin nämlich ein Situationstyp. Wenn ich einen Plot, ein Handlungsschema  sehe, kille ich es. Ich möchte, dass sich diese Figuren aus sich heraus entwickeln. Mein Kollege John Irving – ein wunderbarer Mann, den ich sehr liebe – sagt dass er als erstes den letzten Satz eines Romans schreibt. Ich finde das absolut irre. Als Kind las meine Mutter all diese Romane von Agatha Christie, und hin und wieder sah ich, wie sie zum Ende des Buchs blätterte. Sie sagte: Ich will sehen, wer der Mörder war, damit ich nachvollziehen kann, wie er sich die ganze Zeit herauslügt. Das geht mir gegen den Strich. Ich fange mit der Situation an und lasse die Figuren sich von dort aus entwickeln. 

 

Sie schreiben nicht nur aus der Situation, sondern auch mit einem stark visuellen Stil. Haben Sie je überlegt, zum Drehbuchautor zu wechseln?

Es gibt ganz klar Dinge, die man in einem Buch machen kann, aber nicht im Fernsehen  - Sex und Gewalt in anschualicher Form, zum Beispiel, die im amerikanischen Fernsehen weitgehend tabu sind. Es sei denn, man befindet sich auf einem Bezahlkanal. Ich habe ja schon einige TV-Serien gemacht, da muss man manche Dinge eben auf andere Art und Weise zum Ausdruck bringen. Aber die Frage ist doch: Wieviel  muss man denn zeigen, um klarzumachen, das zwei Menschen eine sexuelle Beziehung zueinander haben? 

 

„Die Arena“ ist eher eine Sozialfarce als ein Horror-Thriller. Markiert das eine Wegbewegung vom Horrorgenre?

Ich plane die Dinge nicht, ich plane nicht einmal mein Abendessen. Ich schreibe die Ideen, die ich habe, einfach auf. Ich schreibe, was mich bewegt, was mir erscheint, als könnte es ein großer Spaß sein. Diese Idee hier stammt eigentlich aus den Siebzigern, aus den Zeiten der Ölkrise. Aber damals arbeitete ich als Lehrer und hatte keine Zeit und kein Geld, einen Roman zu schreiben. Also musste ich es zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal aufnehmen. 

 

Hat sich Ihre Beziehung zum Übernatürlichen im Laufe Ihrer Karriere verändert?

Das fragt man mich oft, und ich weiß immer nicht, wie ich das beantworten soll. Mich haben spannende Geschichten über Horror und das Übernatürliche schon als Kind angezogen.  Das ist wohl angeboten – so wie Nora Roberts sich zu Lovestories hingezogen fühlt, oder Leute wie Agatha Christie, die es schaffen, sich komplizierte Plots auszudenken, bei denen man am Ende sagt: Ja, es stand mir die ganze Zeit vor Augen. Für mich ist da wie ein Zaubertrick. Aber ich war nie ein intellektueller Schriftsteller. Meine Beziehung zu meinen Lesern speist sich eher aus dem Bauch. Vor allem möchte ich ihnen höllische Angst machen!

c Nina Rehfeld

Apologies, still translating this

into English...

interviews

  • facebook-square
  • flickr-square
  • twitter-bird2-square

©2012-2020 Nina Rehfeld