VINCE GILLIGAN

über die Erfindung von Walter White und "Breaking Bad", seine REgel, keine Iditioten zu schreiben, guten Rat von Stephen King und ein gelungenes Serienfinale. 

 

Erschienen in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN SONNTAGSZEITUNG

Mr. Gilligan, Sie haben mit Walter White aus „Breaking Bad“ eine faszinierend vielschichtige Fernsehfigur geschaffen. Wo ist er entsprungen?

Ich weiß leider nicht, wo meine Ideen herkommen, auch wenn das sehr hilfreich wäre. Ich kann Ihnen aber sagen, wie ich auf die Idee zu „Breaking Bad“ kam: Ich telefonierte 2004 mit meinem Freund Thomas Schnauz, mit dem ich einst auf der Filmschule in New York war. Wir hatten gemeinsam für „Akte X“ geschrieben und beweinten nun, dass diese Show 2002 zu Ende gegangen war. Während wir uns fragten, was wir als nächstes tun sollten, erzählte er mir von einem Zeitungsartikel über ein Meth-Labor, und wir scherzten, dass wir uns vielleicht mit einem solchen Labor in unserem Wohnwagen über Wasser halten könnten. Plötzlich kam mir dieser Geistesblitz – ein gesetzestreuer Bürger, der sich  plötzlich entschließt, kriminell zu werden. Diese Figur wurde Walter White.

 

Ein Mann, der mit 50 vor einer schweren Midlife-Crisis steht...

... vielleicht sogar vor einer Lebensende-Krise, man diagnostiziert ihn ja mit Lungenkrebs. Als mir diese Idee kam, stand ich kurz vor meinem vierzigsten Geburtstag, und ich fragte mich damals selbst: „War´s das jetzt?“ Immerhin habe ich nichts  anderes gelernt , als Geschichten fürs Fernsehen zu schreiben. Wahrscheinlich interessierte mich dieser Typ auch deshalb.

 

Walter White wandelt sich vom braven Lehrer zum Metamphetamin-Koch, um seiner schwangeren Frau und seinem behinderten Sohn mehr als eine Lehrerpension zu hinterlassen. Wussten Sie eigentlich schon zu Beginn, in welche düsteren Gefilde Sie Ihren Protagonisten führen würden?

Ich hatte eine Jekyll-und-Hyde-Story im Sinn, aber ich  gestehe: Ich hatte zu Beginn große Sorge hatte, dass mir diese Figur zu finster geraten würde, dass die Zuschauer ihre Sympathie für den Mann verlieren und abschalten würden. Aber während der dritten Staffel wachte ich eines Morgens ohne diese Sorge auf, weil mir klar wurde, was der Schauspieler Bryan Cranston  hier vollbrachte – egal, wie weit wir Walt ins Dunkel schubsten, Bryan spielt ihn als Menschen, mit dem man trotzdem sympathisieren möchte. Das hat uns die Freiheit beschert, eine immer dunklere Figur zu erforschen und die Geschichte so abgründig wie möglich werden zu lassen.

 

Dazu hat auch Ihr Kameramann  Michael Slovis entscheidend beigetragen – seine Bildern zum Dank gleich Ihre Serie großem Kino.

Ich wollte diese Serie immer mit einem cineastischen Look machen. Sie sollte nicht wie Fernsehen aussehen, sondern wie der beste Film noir, der beste Western, der sich finden ließe. Slovis hat hier einen visuellen Stil geschaffen, der ebenso wichtig für die Story ist wie jeder Dialog, den ich hätte schreiben können.  „Breaking Bad“ schöpft ungeheuer viel Drama aus dem Licht, das Slovis einsetzt. Er hat den Stab vom Oscarpreisträger John Toll, der unsere Pilotepisode drehte,  auf einzigartige Weise übernommen.

 

Dem Film noir und  Western sind hier Elemente für eine „umgekehrte Erlösungsgeschichte“  entliehen, wie Sie „Breaking Bad“ einmal nannten – kein üblicher Fernsehstoff.

Genauso habe ich das den Leuten beim Studio Sony und dem Sender AMC aber vorgestellt: Hier haben wir Mr. Chips (nach der oscar-gekrönten Verfilmung des Romans „Goodbye, Mr. Chips“ von James Hilton) , und wir verwandeln ihn in Scarface. Ich hatte keine erhebende Erlösungsgeschichte im Sinn, sondern eine Charakterstudie. Das war unsere Leitlinie, und sie erlaubte uns einigen Raum zum Manövrieren.

 

Der Romanautor Stephen King schreibt in seinem Leitfaden „On Writing“ davon, dass seine Figuren oft ihr eigenes Leben entwickeln. Ging Ihnen das mit Walter White auch so?

Ich habe Kings Buch mehrmals gelesen, es hat mir beim Schreiben sehr geholfen, und ich halte es für unverzichtbar für Autoren oder solche, die es werden wollen. Und es stimmt tatsächlich, dass Figuren ein Eigenleben entwickeln. Wenn das geschieht, ist es ist eine der größten Freuden und tiefsten Erfüllungen  beim Schreiben – einem Beruf übrigens, der nicht viele Freuden und Erfüllungen zu bieten hat und vor allem harte Arbeit ist. Ich zumindest fühle mich an den meisten Tagen bei der Arbeit, als ob ich mir genausogut Nägel in den Schädel hämmern könnte. Aber Walter ist eine Figur, deren Komplexität weit über meinen eigenen Fertigkeiten hinausgeht. Fairerweise muss ich natürlich sagen, dass viele Aspekte dieser Figur von unseren anderen Autoren stammen, und besonders von Bryan Cranston.

 

Sie haben Walter White auf eine haarsträubende Achterbahnfahrt geschickt, die nicht zuletzt einigen der besten  Schurken des Fernsehens geschuldet war. Wie haben Sie die konzipiert?

Wir haben uns mit allen Figuren and eine Regel gehalten: Keine Dummköpfe. Sie galt sowohl für die Helden als auch die Schurken – auch wenn bei uns, um mit den schwarzen und weißen Hüten des Westerns zu sprechen, die meisten Figuren graue Hüte tragen.

 

Der von Giancarlo Esposito verkörperte Drogenbaron Gus Fring, so berichtete kürzlich einer Ihrer Co-Autoren, Sam Catlin, bereitete Ihnen in Staffel vier Kopfzerbrechen, weil er Walter White fast die Show stahl.

Die vierte Staffel war ja eigentlich ein einziger langer Showdown zwischen Gus und Walt, und wir haben schwer daran gekaut, dass  Gus plötzlich der klügste Mann in der Serie war – vielleicht sogar klüger als Walt. Nun ist das Schlimmste, was man als Autor tun kann, einen Antagonisten zum Idioten zu machen, nur damit der Protagonist sich durchzusetzen vermag. Wir wollten Gus auf keinen Fall zum Trottel machen. Am Ende erweist sich nicht ein intellektueller Fehler, sondern eine emotionale Verbindung als seine Achillesferse – da wurzelt der Fehltritt, den er sich in der Schachpartie mit Walt leistet.

 

Walt hat aber noch andere Gegenspieler – zum Beispiel seine Frau Skyler, die ihn erst hasst, sich dann zu seiner Komplizin macht und schließlich in Angst vor ihm erstarrt. Von den Fans erfuhr Skyler viel Backlash , und Sie haben diese Reaktion als frauenfeindlich bezeichnet.

Manchmal lehne ich mich ein bisschen weit aus dem Fenster. Aber als Zuschauer investieren wir ja viel in Walter, er ist schließlich unser Protagonist - er mag ein Mistkerl sein, aber ist unser Mistkerl. Und wir tendieren halt dazu, es den Figuren zu verübeln, die Walt das Leben schwer machen. Nur: Gus macht ihm das Leben noch viel schwerer als Skyler – aber man hasst Gus nicht, man findet ihn faszinierend. Dieses Messen mit zweierlei Maß, wenn es um weibliche oder männliche Figuren geht, erschien mir als seltsame Reaktion. Ich mag Skyler, sie tut das Richtige, als sie ihm sagt: Koch kein Meth! Ruiniere unsere Familie nicht! Bring uns nicht in Gefahr! Sogar, als sie sich zu Walts Komplizin macht, tut sie das nur, weil sie in einer unhaltbaren Situation ist.

 

Zuletzt scheint nur noch ein ernstzunehmender Gegner übrigzubleiben – Walts Schwager, der Drogenfahnder  Hank, dem in der zuletzt gesehenen Folge der fünften Staffel endlich aufgeht, dass Walt der mysteriöse „Heisenberg“ ist, den Hank verbissen verfolgt. Wir fragen Sie natürlich nicht, wie die Geschichte ausgeht, aber wie man hörte, war die Schlussstrecke kein leichter Marsch...

Wir haben monatelang zu acht in einem Raum gesessen und uns gefragt: Wohin strebt Walter, was will er, was fürchtet er? Wie können wir dieses Schachspiel gekonnt zum Abschluss bringen? Ich habe eine Menge Schlaf über diese Episoden verloren, und mein größter Alptraum war, eine Woche nach der Ausstrahlung des Finales aufzuwachen – oder ein Jahr, oder zehn Jahre – und zu denken: Oh Gott, so hätte das enden müssen!

 

David Chase hat seine „Sopranos“ 2007 mit einem heftig umstrittenen Blackout beendet,  das finale Treffen der „Lost“-Charaktere in einem mystischen Durchgangs-Jenseits 2010 spaltete ebenfalls das Publikum. Gibt es ein Serien-Finale, das Sie persönlich für besonders gelungen halten?

Das Finale einer Serie richtig hinzukriegen ist unglaublich schwierig. Man möchte den Zuschauern ja die Vervollständigung einer wohlproportionierten Geschichte geben.  Ich fand, dass „M.A.S.H.“ ein ideales Ende hatte. Es ging ja um eine ad-hoc Familie im Korea-Krieg, die sich nach nichts mehr sehnt, als nach Hause zu gehen. Es war daher keine Überraschung, als die Serie mit dem Waffenstillstand und der Heimkehr der Figuren schließt. Manchmal ist das offensichtlichste Ende das richtige.

 

Der amerikanische Fernsehsender Fox verkündete kürzlich, seine 2010 abgeschlossene Serie „24“ als Miniserie fortzusetzen. Können Sie sich auch für Walter White ein Nachleben vorstellen?

Ohne zuviel verraten zu wollen: Wir bewegen uns auf ein definitives Ende zu. Ich sehe keinen Grund, diese Geschichte zu irgendeinem Zeitpunkt erneut künstlich zum Leben zu erwecken. Allerdings haben wir ja die Figur des Anwalts Saul Goodman, und ich hoffe, dass wir ihn in einem Spinoff dieses Universums zu sehen bekommen. Noch ist das nicht in Stein gemeißelt, aber es würde großen Spaß machen.

©Nina Rehfeld

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